Mittwoch, 12. Dezember 2012

2012 - der Weg

Der neue Weg sollte grün sein. Grün, weich und gerade - leicht zu gehen. Blumenwiesen am Rand, Wasserläufe die den Weg queren und in welchen sie ihre Füße während einer Rast abkühlen kann.
So sollte es sein.
Der Weg begann mit einem großen Stein, der sie zum stolpern brachte. Erstaunt blickte sie sich um: da lag er. Direkt am Anfang. Ohne Vorwarnung. Natürlich musste sie stolpern, sie konnte ihn gar nicht gesehen haben. Zum Glück geriet sie nur wenig ins straucheln und konnte zügig weitergehen. Kurz ärgerte sie sich über den misslungenen Anfang, schnell vergaß sie und begann, die Umgebung zu erforschen.
So grün war der Weg nicht, wie sie es sich gewünscht hätte. Was sie fand waren Säcke voller Grassamen, welche am Wegesrand standen. Die Luft war klar, wohlig warm und angenehm zum laufen. Alleine war sie nicht, hatte sie doch vieles mit auf diesen Weg genommen.
Sie nahm einen Sack voller Grassamen und begann, den Weg warm und weich zu gestalten. Helfende Hände standen ihr zur Seite, die den Weg mit ihr zusammen gehen würden.
Lange Zeit konnte sie unbeschwert den Weg genießen. Abzweigungen waren eindeutig beschildert, fand sie sich auf einem falschen Weg wieder, so drehte sie um.
Plötzlich trat Nebel auf, der Weg wurde unsicher. Vorsichtig tastete sie sich Schritt für Schritt vorwärts, immer die wärmenden Händer der Mitläufer an ihrer Seite. Sie spürte, dass eine Hand den Druck lockerte. Sie spürte, dass die Hand versuchte, sich an ihr festzuklammern aber weggezogen wurde. Heiße Tränen rollten über ihr Gesicht, aber sie konnte und wollte die Hand nicht festhalten, denn dort, wo sie hingezogen wurde, würde es der Hand besser gehen. Und sie wusste, dass die Hand zurückkommen würde. Größer, fester und erwachsener. Der Nebel lichtete sich, aber der Weg wurde steiniger. Oft musste sie mühevoll die Steine beiseite räumen, oft war sie angewiesen auf ihre helfenden Hände. Froh, ihre Wärme zu spüren, froh, festgehalten zu werden.
Zwei Hände hatte sie auf dem letzten Weg verloren, die Suche nach ihnen war immer und immer wieder Teil ihres Weges.
Die Sonne blickte strahlend vom Himmel, als sie plötzlich vor einem tiefen Abgrund stand.  Obwohl sie sich nicht halten konnte, rutschte sie nur langsam hinab. Erstaunt blickte sie zurück und sah ein kleines rotes Licht leuchten, ein Juwel, der blasser wurde und sich entfernte. Eine ihrer Hände, denn die Hände sind alles Juwelen, schillernd in allen Farben des Regenbogens. Nicht mehr mit Leichtigkeit aber doch schneller als geahnt rappelte sie sich auf und kletterte den Abhang hinauf. Juwelen zusammenhalten war wichtig, denn nur gemeinsam konnte man den Weg grün gestalten. Sie konnte den roten Stein aufhalten aber sie spürte den unwirschen Druck. Diese Hand wollte alleine sein. Diese Hand wollte weg. Sie wollte nicht festgehalten werden. Der Weg wurde grau, bröckelte ab, die Steine rollten immer bedrohlicher auf sie zu, bis sie sich in einen weiteren Abgrund gestoßen fühlte. Sie hatte den falschen Weg genommen! Der rote Juwel leuchtete hinter ihr und schien zu lachen. Er entfernte sich immer weiter, wurde kälter, auch das Lachen wurde leiser  - bis sich schließlich lähmende Stille ausbreitete. Vollkommende Dunkelheit umfing sie, ihr Hände tasteten ins Leere.

Die Zeit schien still zu stehen. Verwundert blickte das Mädchen in das Zwielicht der Dämmerung, das sie nach unendlich langer Zeit zu umfangen wusste. Sie erkannte einige Mitläufer um sich herum, die sich bemühten, sie aus dem Abgrund zu ziehen. Zunächst konnte sie nicht mithelfen, sie sah keinen Sinn darin diesen Weg weiterzugehen - bis, ja bis sie in ihrem Herzen die Wärme der verlorenen Hände spürte. Bis sie verstand, dass sie nicht mehr tun konnte als den Weg so zu gestalten, dass er begehbar war. Bis sie sah, dass auch sie gebraucht wurde. Sie strampelte sich frei und kletterte mit der nötigen Hilfe wieder auf den Weg. Nagut, sie brauchten ein Seil, aber das musste man ja nicht jedem erzählen oder? Letztendlich hatte sie es geschafft! Sie stand auf einem kalten grauen Weg, der nach Wasser und Leben schrie. Motiviert ging sie weiter, verteilte Grassamen in die Steine und bewunderte, wie Blumen aus ihnen entstanden.
In weiter Ferne konnte sie die zwei verlorenen Hände sehen, die nach ihr winkten. Erfreut machte sie sich auf den Weg, diese Hände einzuholen. Wenn sie es auf diesem Weg nicht schaffen würde, dann auf dem nächsten. Das wusste sie. Die Leere in ihr wurde weniger. Der Sturz bereitete ihr noch Probleme, es schmerzte an jeder erdenklichen Stelle, aber sie wusste: Es würde verheilen. Es MUSSTE verheilen.
Bis sie den roten Juwel wieder sah. Unsicher blickte sie immer und immer wieder in die Richtung. Lachte er hämisch? Lachte er traurig? Angst bereitete sich aus, wieder den falschen Weg gegangen zu sein, als sie sich aufmachte, auch diesen Stein wieder zu sich zu holen. Letztendlich wusste sie, dass sie jede einzelne Hand auf ihrem Weg brauchen würde und für jede Hand immer da wäre. Auch für verlorene Steine, auch für zerbrochene Steine, auch für liegengebliebene Mitläufer.
Vor sich sah sie eine Kurve, der weitere Weg war nicht einsehbar. Aufgrund des vergangenen Weges wusste sie um die Gefahr eines weiteren Abgrundes und ging langsamer. Sie spürte die Mitläufer, die sie zurückziehen wollten, feste,laut und eindringlich riefen sie möge stehen bleiben - aber stehenbleiben? Nein, das war nicht ihr Weg.